Sonntag, 10.11.2019 - 15:50

Düsteres Hörvergnügen: Auf der Spur der „schwarzen Frau“

Von
Artikel bewerten
(0 Stimmen)
Düsteres Hörvergnügen: Auf der Spur der „schwarzen Frau“ Bild: free-photos/pixabay

Fast jeder im Bayerischen Wald kennt den Mythos von der „schwarzen Frau“, die angeblich einen „blutigen Herbst“ prophezeite und dann plötzlich wieder verschwand. Ein Podcast des Bayerischen Rundfunks rollt die mysteriöse Geschichte neu auf.

Die alte Frau stand am Straßenrand, gekleidet in einem schwarzen Gewand. Es war das Jahr 1975 in Niederbayern, eine Zeit, in der die Region noch immer als weitgehend abgehängt galt. Auf der Straße einen Anhalter zu treffen, war damals nichts ungewöhnliches, und so haben mehrere Autofahrer die vermeintlich unscheinbare Dame am Straßenrand aufgelesen, um sie ein Stück weit mitzunehmen.

Während der Fahrt habe sie zunächst überhaupt nichts gesprochen, bis plötzlich dieser eine Satz im tiefsten Dialekt fiel, den sie ganz unvermittelt äußerte, der mehr wie eine beunruhigende Feststellung klang: „Einen guten Frühling kriegen wir und einen schönen Sommer, aber einen blutigen Herbst.“ Sofort danach war die Frau verschwunden; sie hat sich an Ort und Stelle aufgelöst, noch bevor überhaupt jemand reagieren oder nachfragen konnte.

So lautete eine Geschichte, die 1975 in Niederbayern gleich mehrere Autofahrer erlebt haben wollen, irgendwo zwischen Tittling und Thurmansbang sowie zwischen Freyung und Waldkirchen. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich diese Berichte damals im gesamten Bayerischen Wald und weit darüber hinaus, befeuert auch durch zahlreiche, teils überregionale und sensationelle Medienberichte. Sogar die Polizei, die Kirche und Wissenschaftler schalteten sich am Ende ein, ohne jedoch den Spuk aufklären zu können, der nach einiger Zeit wie von Zauberhand wieder sein Ende fand. Bis zuletzt blieb es deshalb ein Rätsel, was es tatsächlich mit der mysteriösen „schwarzen Frau“ auf sich hatte.

Die Geschichte kennt jeder

Johannes Nichelmann wollte das ändern. Der Radiojournalist arbeitet unter anderem für den Bayerischen Rundfunk. Eher zufällig ist er auf die Geschichte aufmerksam geworden, als er von japanischen Taxi-Fahrern hörte, die nach der Katastrophe in Fukushima ebenfalls Geschichten von verschwundenen Fahrgästen erzählten. „Da habe ich dann weiter recherchiert und rausgefunden, dass es eben diese Wahnsinns-Legende aus dem Bayerischen Wald gibt“, erzählt er im Gespräch mit dem Ostbayern-Kurier. Schnell sei klar geworden, dass sich dahinter mehr verbirgt, als eine bloße Geistergeschichte. „Es geht auch ein bisschen um Strukturwandel, um Journalismus, um so ein frühes Social-Media-Erlebnis, das sich da angebahnt hat. Und deswegen wollten wir diese Geschichte unbedingt erzählen.“

Rund zwei Wochen war Nichelmann dann im Bayerischen Wald unterwegs, um Eindrücke zu sammeln, mit Zeitzeugen zu sprechen, Archive zu durchforsten. Die Geschichte, sagt der Reporter, ist in der Region bis heute präsent. „Es haben alle sofort gewusst, wovon ich spreche. Egal, aus welcher Generation, egal, ob es in Freyung oder Tittling war.“ Und so näherte sich der Reporter Schritt für Schritt dem Phänomen an, setzte die einzelnen Puzzle-Teile allmählich zu einem großen Ganzen zusammen und ordnet sie in eine größeren Kontext ein, um dem rätselhaften Ereignis auf die Spur zu kommen.

Hörer sind nah dran

Herausgekommen ist der Podcast „Blutiger Herbst – eine bayerische Geistergeschichte“, eine spannende und atmosphärische vierteilige Serie für Bayern 2. Gekonnt erzeugt der Podcast einen wohligen Grusel, wenn er die Geschichte wieder aufrollt. Als Hörer begleitet man Nichelmann auf seinen Recherchen, ist dabei, wenn sich Menschen wieder an die damaligen Vorfälle erinnern. Ganz nebenbei erfährt man so viel Interessantes über das Leben und die Veränderungen im Bayerischen Wald, wo ein starker Volksglaube früher weit verbreitet war und teils heute noch anzutreffen ist.

Was aber hatte es nun mit der mysteriösen schwarzen Frau auf sich, mit dem Spuk, der den Bayerischen Wald einige Zeit in Atem hielt und bundesweit Schlagzeilen machte? Wie lassen sich die Berichte über die Erscheinungen erklären, welche Beweise gab es? Oder war alles doch bloß haltloser Unsinn? Das ist freilich eine Antwort, die dem Podcast überlassen bleibt. Nur so viel: Nichelmann hat es zumindest geschafft, mehr Licht ins Dunkle zu bringen, als es den Beteiligten in den 1970er Jahren gelungen ist – durch eine ordentliche Portion „Reporterglück“, wie er selbst sagt.

Die Auflösung gibt es bei Bayern 2 unter diesem Link in der Mediathek, es handelt sich um eine Produktion des Bayerischen Rundfunks in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur.

Letzte Änderung am Dienstag, 10.12.2019 - 14:06

Schreibe einen Kommentar

Bitte achten Sie darauf, alle Felder mit Stern * zu füllen. HTML-Code ist nicht erlaubt.